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Marathon in Münster eben nicht nur Marathon – Gedanken zu einer Großveranstaltung

Marathon in Münster ist eben nicht nur Marathon – Gedanken zu einer Großveranstaltung

Angetreten war der Münster-Marathon 2002 einmal mit dem Credo – Marathon sonst nichts. Diesem Anspruch, die komplette Aufmerksamkeit auf die Marathonis zu lenken, konnten die Organisatoren nur in den ersten vier Auflagen genügen. Die Teilnehmer wussten das zu schätzen. Dann allerdings unterwarf man sich den Marktgesetzen. Der Reiz des Neuen zog nicht mehr so gut. Die in der Region mit den ersten Veranstaltungen neu mobilisierten Läuferinnen und Läufer suchten nun andere Veranstaltungen als Ziel. Einmal Münster hieß noch lange nicht immer Münster.

Marathon läuft man schließlich nicht jede Woche und es gibt andere attraktive Ziele. Mit dem Schrumpfen der Marathonteilnehmer unter die Zahl von 3.000 drohte ein wirtschaftliches Ungleichgewicht. Geboren wurde die Idee des Staffelmarathons, bei dem sich vier Teilnehmer die Gesamtstrecke teilen. Das kam bei den Staffelläufern grandios trotz des sehr üppigen Startgeldes an. Mediengerecht wurde dies als „Einstiegsdroge“ in die Marathonwelt verkauft. Dass damit das wirtschaftliche Überleben des Marathon gesichert wurde, konnten sich Insider bestenfalls zusammenreimen. Offiziell verkündet wurde diese Tatsache nicht. Die Teilnehmerzahlen stiegen rasant an. Noch in der Ausschreibung für den 9. Volksbank-Münster-Marathon wurde ein Teilnehmerlimit von 850 genannt. Doch schon in der Pressekonferenz vom 29. März 2010 frohlockten die Organisatoren, dass der Staffelwettbewerb mit 1.000 Staffeln und damit 4.000 Laufbegeisterten bereits ausgebucht sei. Dem stünden 700 Anmeldungen für den Marathon gegenüber.

Des einen Freud ist bekanntlich des anderen Leid. Die Marathonis waren von der neuen Konkurrenz nicht so begeistert. Sie mussten von nun an die Aufmerksamkeit teilen. Obwohl die Staffelläufer nach den Marathonis starten, vermischen sich die beiden Felder relativ schnell. Der Zuschauer applaudiert jedem, egal, ob es sich um die nach eigenem Verständnis Marathonhelden oder nur die „Viertelhelden“ handelt.

Die Organisatoren in Münster haben nichts neu erfunden. Es ist längst bei der Mehrzahl der Marathonveranstaltungen so, das ein reichhaltiges Rahmenprogramm für große Teilnehmerzahlen und finanzielle Einnahmen sorgt, die dann in den Medien unter der Überschrift Marathon verkauft werden. So titelte auch der Münster-Marathon in einer Pressemeldung: „Knapp 8000 Läufer werden zum 9. Volksbank-Münster-Marathon erwartet“. In Münster sind es inzwischen nicht mehr nur Marathon- und Staffelteilnehmer. Dazu ist nun noch der Kids-Marathon hinzugekommen. Hierzu sollen sich nach der Pressemeldung in diesem Jahr schon 270 Kinder angemeldet haben. Damit liegt man nur um 20 Personen über dem ausgeschriebenen Teilnehmerlimit. Etwa ab Kilometer 32 muss man dann noch mit weiteren 100 Teilnehmern rechnen, die den Rest des Weges bis zum Ziel zu Gunsten der José Carreras Leukämie-Stiftung zurücklegen werden. Das sorgt für die gewollt optisch dichte Läuferschar auf dem Prinzipalmarkt.

Auch in der Begrifflichkeit lässt sich Bedeutung suggerieren. In der Ausschreibung steht u.a., dass in Münster der Militär- und Studenten Cup ausgetragen werden. Dies bedeutet lediglich, dass man eine eigene Wertung für Militärangehörige bzw. Studierende durchführt. Ebenso gut könnte man auch einen Hausfrauen oder Hundehalter Cup ausschreiben. Der Phantasie der Veranstalter sind keine Grenzen gesetzt. Offiziell sind hingegen in diesem Jahr die Westdeutschen Marathon Meisterschaften.

Die in der oben genannten Pressemitteilung aufgeführten Alleinstellungsmerkmale sind schlichtweg dreist. Dort wird von einem hohen Niveau der medizinischen Versorgung gesprochen. Dies ist mittlerweile ein Grundniveau der allermeisten Veranstaltungen. Weiterhin wird auf einem optimalen Mix aus Stadt- und Landschaftslauf verwiesen. Da dürfte man sich fragen, was ist optimal? Und wird in Münster nicht aus der Not eine Tugend gemacht? Geschickt wird einem dann noch untergejubelt, dass in Münster eine „einzigartige Begeisterung der vielen Zuschauer“ herrscht. Der das geschrieben hat, hat noch keinen Marathon unter dem Blickwinkel "einzigartig" in Berlin, Hamburg, Köln oder Frankfurt erlebt oder gar den in New York. Mit Superlativen sollte man sparsam umgehen, will man nicht an Glaubwürdigkeit einbüßen.

Auf der Seite des Fußballball- und Leichtathletikverbandes ist inzwischen eine neue Pressemeldung nachzulesen. Dort heißt es: "Neben 3000 Marathonläufern werden 1100 Staffeln, 270 Kinder, 80 Benefizläufer und 14 Läuferinnen." und Läufer mit Behinderung erwartet - alles in allem knapp 7.800 Teilnehmer." Aus den 1.000 Staffeln sind schon 1100 und damit 4400 Staffelläufer geworden. Schaut man auf die Veranstalterseite und die Teilnehmerliste, so haben sich bislang (Stand: 2. September 2010) insgesamt 6993 Läufer für Münster angemeldet. Zieht man nun die Zahlen für das Rahmenprogramm ab, bleiben 1.929 Marathonis übrig. Da müssen sich in der letzten Wochen noch ganz viele Nachmelder finden, um auf die Zahl von 3.000 zu kommen, die schon verkündet werden.

Nun mag man sich als Leser fragen, wozu eigentlich dieses Gejammer? Ist doch gut, wenn sich so viele Leute begeistert bewegen, egal, ob sie nun 42 oder nur 10 Kilometer laufen. Recht haben sie. Doch es kommt eben auch ein wenig Wehmut auf, wenn die großen Ideale des Beginns den Marktgesetzen folgen (müssen) und wäre hier nicht weniger tatsächlich mehr?

Kommentare (5)  Permalink

Kommentare

Bernhard Paßlick @ 07.09.2010 07:30 CET
hallo michael,
ich habe gerade deine gedanken zum marathon gelesen und gehe mit dir komplett konform. ich sehe das ganze ähnlich zwiespältig und als marathonläufer habe ich ganz wenig verständnis dafür, dass vier staffelläufer auf dem prinzipalmarkt einlaufen und sich der marathoni die aufmerksamkeit mit ihnen teilen muss.
gruß bernhard
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